Konzert „O“ – Herbst 2024


Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde des Vokalensembles Josquin des Prés!

Der wunderbar runde und volle Vokal „O” übertitelt unser diesjähriges Herbstprogramm, das wir Ihnen am 1. Adventswochenende präsentieren dürfen. Er leitet als Kasus eine Anrufung ein und beinhaltet häufig einen Ausdruck der Be- oder Verwunderung, der

Überraschung, des Staunens oder der Ehrerbietung.

Er ist auch gemeinsamer Beginn der sogenannten „Magnificat-Antiphone”, Texte, die in den sieben Tagen vor Weihnachten in der Vesper das Magnificat umrahmen und alttestamentarische Attribute zum Thema haben, die auf den kommenden Erlöser verweisen:

O Sapientia – O Weisheit

O Adonai – O Herrscher

O Radix Jesse – O Wurzel Jesse

O Clavis David – O Schlüssel Davids

O Oriens – O Morgenstern

O Rex gentium – O König aller Völker

O Emmanuel – O Immanuel

Sie enden alle mit einer Bitte und der Formel „ o komm und …” (offenbare uns, befreie uns, errette uns, öffne, erleuchte, eile und schaffe uns Hilfe).

Für Freunde versteckter Botschaften, Humanisten und Literaten: Die Anfangsbuchstaben der sieben Attribute bilden, vom letzten zum ersten aneinandergereiht, zwei neue lateinische Wörter, die die Antwort auf die Bitte und die Erfüllung der Sehnsucht ergeben.

Den archaischen Gehalt der Texte hat Arvo Pärt in ein holzschnittartiges, strenges Gewand gekleidet, sieben Miniaturen, die 1988 entstanden und den unverwechselbaren Stil des estnischen Komponisten tragen.

Diesen sieben Stücken werden wir alte und zeitgenössische Interpretationen bzw.Assoziationen gegenüberstellen.

Der amerikanische Komponist John Muehleisen steht für eine postmoderne Tonalität und steuert „O Wisdom” bei, die sich auch kompositorisch auf den gregorianischen Choral der Antiphon zum 17. Dezember bezieht.

Der in Berlin wohnende Frank Schwemmer nähert sich dem Bild des brennenden Dornbuschs, der in „O Adonai” aufflackert, sehr viel assoziativer und freier.

Er vertont in seiner dreiteiligen Motette „Der brennende Dornbusch” Gedichte des 1969 in Dresden geborenen Christian Lehnert. Schwemmer schreibt: „Natur und Deutung überlagern sich schon in der Wahrnehmung. Diesen Zwischenraum erkunde ich. Ich erkunde ihn bewusst als religiöser Mensch, weil mir von der Religion her, von religiösen Bildern, Mythen, Erzählungen sich die Natur anders darstellt. Der Blick in die Natur ist für gläubige Menschen … eine wichtige Übung. Sie führt in die Befremdung…Sie bringt mir bei, mit Unerwartetem zu rechnen”.

Wir dürfen Ihnen die Nr. 3 des Zyklus mit dem Titel „Wie mich hüllt in stille Scheu” vorstellen.

Das Pendant zu „O Radix Jesse” liefert uns Jan Sandström. Der 1954 geborene schwedische Komponist paraphrasiert in „Det är en ros utsprungen” das wohlbekannte Praetorius-Lied „Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart” und stellt dem

schlichten vierstimmigen Satz ein schwebendes, auf Sekundreibungen und Clustern basierendes Klanggeflecht gegenüber.

Auch die Italienerin Carlotta Ferrari widmete sich den Magnificat-Antiphonen. Aus ihrem 2022 entstandenen Zyklus wählten wir „O Clavis David” für vierstimmigen Frauenchor aus. Sie bezieht sich darin eindeutig auf die frühe Mehrstimmigkeit und transportiert diese Technik in die Gegenwart.

Für das Gegenstück zu „O Oriens” war es unser Bemühen, möglichst ein Werk mit Anklängen an die Ostkirche und einem byzantinischen Charakter zu finden.

Fündig wurden wir beim Ensemble „Graindelavoix”, die auf ihrer CD „Cypriot Vespers” Vokalmusik des Flamen Jean Hanelle (1380-1436) interpretieren, der einen Teil seines bewegten Lebens auf Zypern verbrachte und eine Melange aus griechisch- und arabobyzantinischen Kompositionsmerkmalen kreierte. Ein ungewöhnliches, aber dafür umso bemerkenswerteres Beispiel gegenseitiger Befruchtung von westlicher und östlicher Musikgeschichte.

Konsequenterweise sollte ein gregorianischer Choral in unserem Programm nicht fehlen. Das „O Rex gentium” erklingt traditionell am 23. Dezember, in englischen Kathedralen aufgrund divergierender Zählung schon am 16. Dezember.

Aus England stammt auch Adrian Peacock. Seine musikalische Karriere begann als Chorsänger in Lichfield Cathedral, später war er in Westminster Cathedral und bei den BBC-Singers aktiv, bevor er reiche Erfahrung sammelte bei den Tallis Scholars, dem

Monteverdi Choir und dem Gabrieli Consort. Seine Vorliebe für Chormusik setzte sich auch in seiner beruflichen Tätigkeit als Produzent und Komponist fort. Sein „Veni Emmanuel” ist eine quicklebendige, rhythmisch virtuose Version des siebten Antiphon-

Attributs.

Im Zentrum des Konzertes steht folgerichtig ein Magnificat.

Regelmäßige Besucher unserer Konzerte dürfen sich auf ein Wiederhören mit Giles Swayne freuen. Studienreisen führten den in Liverpool geborenen Komponisten auch nach Gambia und Senegal, sechs Jahre lebte er mit seiner Frau in Ghana. Sein Magnificat

kann diese Einflüsse und Provenienz nicht verleugnen, Melodik und Rhythmik sind erfrischend und lebensfroh.

Umrahmt wird das Magnificat durch zwei Renaissance-Motetten zum Hochfest der Unbefleckten Empfängnis Mariens.

Das „O Virgo virginum” gilt in englischen Kirchen als 8. „O-Antiphon” und erklingt dort am 23. Dezember. Sie hören es in der Vertonung von Pierre de Manchicourt (1510-1564), der sich in der Beherrschung der polyphonen Satztechnik nicht vor seinen Zeitgenossen Nicolas Gombert oder Jacobus Clemens non Papa verstecken muss.

Komplettiert wird unsere spannungsreiche adventliche Stunde durch das ebenfalls sechsstimmige „Praeter rerum” von Josquin des Prés, einer Motette, die die ganze Meisterschaft dieses Komponisten in reinster Form belegt.

Wir laden Sie herzlich ein zu unserem Adventskonzert abseits ausgetretener vorweihnachtlicher Pfade am

Samstag, 30.11.2024 um 19:30 in der Klosterkirche Frauenaurach oder am
Sonntag, 1.12.2024 um 16:00 in St. Klara Nürnberg

Für das Vokalensemble Josquin des Prés
Raimund Schuler

P.S.
Lösung des Akrostichons, der in den Anfangsbuchstaben der Antiphone versteckten Botschaft = ERO CRAS (Ich werde da sein – morgen)

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