Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freundinnen und Freunde des Vokalensembles Josquin des Prés,
unser Herbstkonzert fällt dieses Jahr auf das Wochenende des Volkstrauertages, weshalb wir das Konzertprogramm mit EPITAPH übertiteln.
Dabei handelt es sich um den griechischen Begriff für Grabinschrift bzw. Grabmal oder Gedenkplatte, die man oft in Kirchen an Wänden oder im Boden eingelassen oder auf Friedhöfen findet.
Nürnberg darf als eine Hauptstadt dieser Kunstwerke gelten, wie Führungen über den Johannis- oder Rochusfriedhof zeigen. Der besonderen Bedeutung dieses Kulturgutes nimmt sich u.a. der Verein für Nürnberger Epitaphienkunst und -kultur e.V. an (epitaphienkultur.de).
In all seiner Flüchtigkeit und konfrontiert mit der Absurdität seines kleinen Lebens hatte der Mensch schon immer das Bedürfnis, Inseln des Innehaltens und Gedenkens zu schaffen bzw. sich selbst und seine Vergänglichkeit in Erinnerung zu rufen.
Tatsächlich kann der Begriff sowohl in der Bildenden Kunst als auch in der Musik im Sinne eines Klageliedes oder einer Gedenkmusik für Verstorbene eingesetzt werden. Verwandt damit sind das TOMBEAU (ein musikalischer Grabstein) – als bekanntes Beispiel des 20. Jahrhunderts darf Maurice Ravels Le Tombeau de Couperin gelten – und die NÄNIE, mit der man den Trauergesang bei Begräbnissen im antiken Rom bezeichnete.
Später findet sich die Nänie dann auch losgelöst von der Musik in der Poesie. Friedrich Schillers Nänie auf den Tod des Malers Anselm Feuerbach illustriert am Beispiel mythologischer Figuren die Endlichkeit auch des Schönen. Die Meeresnymphe Thetis beweint zuletzt den Tod ihres Sohnes Achilles und rührt damit selbst die Götter zu Tränen:
„Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
dass das Schöne vergeht, dass das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab”.
In überwältigende Musik verwandelt hat diese Nänie Johannes Brahms in seinem Opus 82 für großen Chor und Orchester.
Wir bleiben jedoch unseren programmatischen Schwerpunkten der Renaissance und der Moderne treu und stellen Ihnen einen Prototyp dieser Musikgattung von Nicolas Gombert (1495-1560) vor. Sein Musae Iovis trägt den Untertitel „Epitaph auf den Tod Josquin des Prés“ und darf daher in diesem Konzert nicht fehlen. Dort hören wir u.a.:
„Strenger und maßloser Tod, der sowohl die Tempel des süßen Klanges beraubt als auch die Höfe der Fürsten! Übles wünsche ich dir, der du die Guten hinwegnimmst und die Bösen schonst”.
In seiner Meisterschaft lässt Gombert den Cantus firmus viermal die Formel „Mich umgeben die Seufzer des Todes und die Schmerzen der Unterwelt umgaben mich” wiederholen, Verse, die Teil vieler Requiem-Vertonungen der Renaissance sind.
Diese Epoche ist darüberhinaus vertreten durch die sicherlich weniger bekannten Bernardino de Ribera (1520-1580) und Ambrosio Cotes (1550-1602).
Den Werken beider gemeinsam ist die dichte, symbolträchtige Siebenstimmigkeit.
Während jedoch Ribera in seinem Vox in Rama die Klage der biblischen Rachel nach dem Kindermord in Bethlehem vertont, betrauert Cotes, immerhin Lehrmeister von Tomas Luis de Victoria, profan den Tod seines Königs Phillip II von Spanien.
Eine alttestamentarische Szene aus dem 2. Buch Samuel handelt von der Trauer König Davids um seinen gefallenen Sohn Absalon. Die väterlichen Gefühle des Verlustes überdecken dabei vollständig die staatsmännische Freude über die Zerschlagung der Umsturzpläne seines Sohnes.
Wie unterschiedlich diese Klage in Töne gesetzt werden kann, zeigen unsere beiden Beispiele.
Das Absalon, mi fili, dessen Urheberschaft von Josquin des Prés nicht zu einhundert Prozent gesichert ist, verdichtet den dramatischen Gehalt in vier gleichberechtigten Stimmen streng und eindrucksvoll zugleich.
Ausladend in Ambitus und Dauer gestaltet dagegen Eric Whitacre (*1970) die gleiche Szene in seinem When David heard und nutzt dafür teils meditativ-iterative, teils expressiv-clustergeschichtete Passagen.
An den Sarg einer Geliebten führt uns der britische Komponist und Rechtsanwalt Robert Lucas Pearsall (1795-1856) mit Lay a garland on her hearse, und wir betreten mit diesem anrührenden Beispiel eines musikalischen Epitaphs kurz romantische Gefilde.
Experimentell wird es mit R. Murray Schafers Epitaph for Moonlight von 1969. Wir wagen damit einen Ausflug in eine Komposition in graphischer Notation, die improvisatorische Fähigkeiten fordert und auch textlich neue Wege beschreitet, handelt es sich bei den verwendeten Substantiven doch um Neubildungen von Synonymen zum Wort „moonlight”, erdacht von Schülern einer 7.Klasse in Vancouver.
Benjamin Rimmer (*1993) ließ sich von einem Gedicht eines tschechischen Flüchtlings aus dem Jahre 1940 zu seinem In the Shining Blackness inspirieren, wobei er allerdings nur einzelne Verse auswählte, um durch die Fragmente eine impressionistische und dicht gewobene Klangfläche zu schaffen.
Komplettiert wird unser Programm durch Nana Fortes Do not stand at my grave and weep. Die slowenische Künstlerin schenkt uns damit einen anderen, hoffnungsvolleren Blick auf eine Grabstätte. Die erweiterte Nachdichtung des Gedichtes von Clare Harner (oder Mary Elizabeth Frye?) sei zum Abschluss zitiert:
Steht nicht an meinem Grab und weint,
ich schlafe nicht, wie ihr es meint.
Ich bin der Wind in Wald und Feld,
ich bin der Schnee, der sachte fällt.
Ich bin ein leiser, linder Regen,
ich bin der Fluren reicher Segen.
Bin in des Morgens stillem Lächeln,
ich bin im ersten scheuen Fächeln
der milden Frühlingsluft.
Ich bin ein Sommerrosenduft,
ich bin des Herbstwalds bunte Pracht,
ich bin der Sternenglanz der Nacht.
Drum trauert nicht, habt Zuversicht:
Ich bin nicht hier – ich sterbe nicht.
Wir laden Sie herzlich ein zu unserem Epitaph-Konzert am
15.11.2025 um 19:30 in der Herz Jesu Kirche Erlangen oder am
16.11.2025 um 16:00 in der St. Klara Kirche Nürnberg
Für das Vokalensemble Josquin des Prés
Raimund Schuler

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